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Folge 12: "Utopie muss sein. Und Menschlichkeit". Gespräch mit dem Schriftsteller und Arzt Nils Trede
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„Utopie muss sein und Menschlichkeit“ – Gespräch mit dem Schriftsteller und Arzt Nils Trede

Am 7. November ist der Secession Verlag mit dem Großen Berliner Verlagspreis 2021 ausgezeichnet worden – zu Recht, denn die Verleger Christian Ruzicska und Joachim von Zepelin publizieren seit vielen Jahren unverwechselbare internationale literarische Stimmen. Und Autoren wie Steven Uhly und Jérôme Ferrari halten ihnen die Treue – obwohl andere größere Verlagsunternehmen sie gern abgeworben hätten.

2012 erschien bei Secession Das versteinerte Leben. Nils Trede, der Autor dieses Romans, lebt seit 1996 in Frankreich. Er hat ihn auf Französisch geschrieben. Im Februar 2021 kam nun ein neuer Text von Nils Trede bei Secession heraus. Dieses Mal ist Deutsch die Originalsprache. Der nur 80 Seiten lange Prosatext Richtung Süden ist der hoch verdichtete, innere Monolog eines vorübergehend erwerbslosen Mannes, der die Ungleichbehandlung schon kleiner Kinder kaum mehr ertragen kann und der darunter leidet, dass sich die Gesellschaft zunehmend spaltet und verroht. Der Autor beschreibt seinen Protagonisten als „eine Art reiner Mensch, der über keine Abwehrmechanismen verfügt“. Alles, was passiert, sagt Nils Trede, dringe ungefiltert auf ihn ein. Wegschauen, verdrängen, idealisieren, zynisch werden, das kann sein Held nicht.

Der namenlose Mann sinnt auf Lösungen und findet plausible Argumente für sein „Projekt Kollektiverbe“: „So hunderttausend in die Hand von jedem. Auf einmal. Cash. Aus Liebe. Aus dem Herzen heraus. Weil wir uns alle als Brüder und Schwestern verstehen. Auch in die Hand des ärmsten Schluckers. Einfach deshalb, weil er existiert. Weil er ein Mensch ist.“ Wer sich dem Gedanken nicht länger verschließt, dass endlich Schluss sein muss mit Privilegien qua Geburt, dem werde sich – auch das ist eine im Buch formulierte Vision – eine „neue Sprache aus dem Mund lösen“. Eine, die „direkt, ohne Umwege aus der innersten Region des Menschen“ komme.

Als Nils Trede im November zu Lesungen nach Berlin kam, haben wir ihn zum Interview getroffen. Er hat uns erzählt, warum die Entdeckung der Stadt Paris für ihn, der als Medizinstudent von Tübingen nach Frankreich gezogen war, das pure Glück bedeutete. Seit mehr als zehn Jahren lebt er nun mit seiner Familie in Straßburg. Für Nils Tredes Lebensgefährtin, eine geborene Pariserin, war es, als zöge sie in ein anderes, neues Land, während er fast das Gefühl hatte, nach Deutschland zurückzukehren. Die Kinder profitieren von der Grenznähe. Sie wachsen zweisprachig auf und können die Bücher ihres Vaters immer in der einen oder anderen Originalsprache lesen.

Unser coup de cœur ist zum ersten Mal ein Audiobuch. Der Journalist David Dambitsch hat mit Kindern und einem Urenkel der Bildhauerin und Zeichnerin Käthe Kollwitz (1867-1945) gesprochen. Sie erzählen von den nie verwundenen menschlichen Verlusten im Leben der Ahnin, die sich als „evolutionär, nicht revolutionär“ begriff und im Januar 1919 doch loszog, den ermordeten Karl Liebknecht im Leichenschauhaus zu zeichnen. Interessant ist auch das Kapitel über die Schwierigkeiten, das künstlerische Erbe der Kollwitz in einer Sammlung zusammen zu halten.

Erwerben kann man das Hörbuch Kraft ist das, was ich brauche …Käthe Kollwitz und ihre Familie im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum.

 

Bücher von Nils Trede:

Richtung Süden, Roman, Secession Verlag für Literatur, Berlin 2021

Das versteinerte Leben. Roman. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Secession Verlag für Literatur, Berlin 2012

Le nœud coulant. Roman. Les Impressions Nouvelles, Bruxelles 2012

La vie pétrifiée. Roman. Quidam Éditeur, Paris 2008 

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