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Folge 11: Mädchenschule - Pascale Hugues entwirft das Porträt einer Frauengruppe und einer Generation ohne Label
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Mädchenschule – Pascale Hugues entwirft das Porträt einer Fraunegruppe und einer Generation ohne Label

Es gibt Menschen, die verlassen ihren Geburtsort und denken im Leben nicht daran, an ihn zurückzukehren – obwohl sie ihn gern besuchen und es sogar geschafft haben, ein paar alte Bindungen zu erhalten und neue zu knüpfen. Einmal fort, um von Anderen zu lernen, den Blick auf die Verhältnisse und sich selbst zu schärfen, gibt es nur das Weiterziehen. Pascale Hugues hat sich Anfang der 1980er Jahre von Straßburg nach London aufgemacht und von dort führte der Weg nach Bonn und Berlin: als Korrespondentin für französische Nachrichtenmagazine, Kolumnistin des Berliner Tagesspiegel und Buchautorin. Für ihr Buch Ruhige Straße in guter Wohnlage erhielt sie den Europäischen Buchpreis und den Prix Simone Veil. Präzise beobachtet sie das Alltagsverhalten der Deutschen und reflektiert die Mentalitätsunterschiede zwischen Franzosen und Deutschen. Engagiert berührt sie wunde Punkte in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die wechselvolle Geschichte des Elsass und den prekären Status der einst deutschen Elsässer – in ihrem biographischen Buch Marthe und Mathilde beschrieben – gehört dazu.

Dass bei ihren Umzügen Sachen verloren gingen, war für Pascale Hugues nie ein Drama. Zwei Dinge aber hat sie gehütet: ein Album mit Fotos aus ihrer Grundschulzeit und ein 1969 angelegtes Poesiealbum. Sie boten Stoff für ihr neues Buch Mädchenschule. Zwölf ehemalige Mitschülerinnen der laizistischen Sainte Madeleine-Schule im Krutenau-Viertel von Straßburg hat Pascale Hugues ausfindig gemacht, um zu erfahren, was aus den Mädchen geworden ist, die erzieherische Verse wie diese in ihr Album schrieben:

Sei wie das Veilchen im Moose / sittsam, bescheiden und rein / und nicht wie die stolze Rose / die immer bewundert will sein

Oder: Eines Tages wirst du vor zwei Wegen stehen / Der eine mit weichem Sand bedeckt / Der andere mit harten Steinen / Nimm den weniger schönen, denn / Er führt dich zum Glück

Empathisch und mit feiner Ironie zeichnet Pascale Hugues in Mädchenschule das Porträt einer Generation von Frauen, die schon nicht mehr als Kinder der Nachkriegszeit aufwuchsen, aber zu spät geboren waren, um zu verstehen, was der 68er-Aufbruch im Leben der etwas Älteren auslöste. Ihre „unförmige, demographische Kohorte“ pinselte selbstquälerische Ermahnungen ins Poesiealbum und war in der Regel früh gezwungen, Geld zu verdienen und sich eine Bildungskarriere aus dem Kopf zu schlagen. Dass diese „konturlose Generation“ der um 1959 Geborenen dennoch im Kleinen etwas geleistet hat, versteht man beim Lesen dieses Buches. Pascale Hugues ist eine beeindruckende Gratwanderung gelungen: Ihr Gruppenbild wird von Zuneigung und Loyalität getragen und verdeckt doch die alten und heutigen Unterschiede zwischen den ehemaligen Mitschülerinnen nicht. Der wiederbelebten Freundschaft tut all das keinen Abbruch.

 

Bücher von Pascale Hugues:

Mädchenschule. Porträt einer Frauengeneration. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Rowohlt, Reinbek (14.09.2021)

Deutschland à la française. Deutsch von Elisabeth Thielicke Rowohlt, Reinbek 2017

Ruhige Straße in guter Wohnlage – Die Geschichte meiner Nachbarn. Deutsch von Lis Künzli.  Rowohlt, 2015

In den Vorgärten blüht Voltaire: Eine Liebeserklärung an meine Adoptivheimat. Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke und Jens Mühling. Rowohlt, Reinbek 2010

Marthe und Mathilde, Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland. Deutsch von Lis Künzli.  Rowohlt, Reinbek 2008

Deutsches Glück – Le bonheur allemand. Reportagen. Deutsch von Anja Nattefort. DVA, Frankfurt/M. 1999 

 

Coup de cœur:

Barbara Honigmann: Unverschämt jüdisch. 160 Seiten. Carl Hanser Verlag, München, August 2021

 






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